Klassiker entstauben: Sophie von La Roche – Geschichte des Fräuleins von Sternheim

P1100569Sie gelten als verstaubt, erinnern an langweilige Schulstunden und haben den Ruf nicht mehr zeitgemäß und schwer verständich zu sein: die sogenannten Klassiker der Literatur. Tatsächlich aber lohnt es sich auch heute noch, einige dieser Klassiker zu lesen. Die Themen sind oft zeitlos und die Sprache in vielen Fällen erstaunlich flott. Zudem liefern die Werke ein gutes, authentisches Bild ihrer Epoche. Besonders empfehlenswerte Klassiker, quer durch alle Epochen, möchte ich euch in einer losen Serie ans Herz legen oder einfach wieder zurück ins Gedächtnis rufen.

Diesmal: Geschichte des Fräuleins von Sternheim von Sophie von La Roche
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Inhalt:
Sophie von Sternheim verliert im Alter von neun Jahren ihre Mutter. Von ihrem Vater, einem Bürgerlichen, der erst später für seine Verdienste geadelt wird, lernt das wissbegierige Mädchen viel und genießt das unbeschwerte Leben mit ihm auf dem Land. Als er stirbt, kommt Sophie zu ihrer adeligen Verwandschaft in die Stadt und kommt dort mit einer ganz anderen Welt in Berührung. Das Getue der Adeligen findet sie verlogen und übertrieben. Die Tage scheinen nur mit sinnlosen Vergnügungen angefüllt zu sein. Ihr Onkel und ihre Tante nutzen sie nur für ihre eigenen Zwecke aus. Schließlich lernt Sophie am Hof Lord Derby und Lord Seymour kennen. Während Sophie Lord Derby abstoßend findet, fühlt sie sich zu Lord Seymour hingezogen. Bald gerät Sophie in ein Spiel voller Intriegen.

Epoche:
„Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ ist ein empfindsamer Briefroman der Aufklärung (1720 bis 1790). Das 18. Jahrhundert gilt als Beginn der Moderne. In dieser Zeit entstand ein neues Bürgertum, das Besitz und Kapital anhäufte. Die Bürger begannen die gottgegebene Vorherrsschaft der Adeligen anzuzweifeln und wollten selbst über ihr Leben bestimmen. Die Bürgerlichen orientierten sich dabei vor allem an den Philosophen der Aufklärung, die dazu aufriefen, den eigenen Verstand einzusetzen und eine Herrschaft der Vernunft forderten. Auch die Dichtung wandelte sich in dieser Zeit. Während vorher vor allem das Leben am Hof und das Lob der Fürsten im Mittelpunkt der literarischen Werke stand, ging es nun hauptsächich um das Leben der Bürger. Das Leben am Hof wurde kritisch hinterfragt.

Meine Meinung:
Dieser Briefroman gilt als erster deutscher Bestseller und war wohl auch der erste deutsche Frauenroman. Rückblickend war der Roman in der damaligen Zeit tatsächlich etwas sehr einzigartiges und außergewöhnliches – sogar Goethe hat sich von diesem Roman für seinen Werther inspieren lassen. Der Roman besteht nur aus Briefen. Zunächst sind es Briefe, die Sophie einer Freundin schreibt, später kommen auch Briefe anderer Protagonisten hinzu. Durch diesen Aufbau lassen sich vor allem die Entwicklungen der Intrigen – deren Mittelpunkt Sophie wird – gut mitverfolgen. Klar muss man sich erstmal an die ältere Sprache gewöhnen. Nichts desto trotz ist der Roman aber sehr mitreißend, mit einer tollen Heldin, die durch viele Martyrien gehen muss, um ihr Glück zu finden. Zudem ist der Roman auch ein großartiger Gesellschaftsroman, der treffend Kritik an seiner Zeit übt.

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